StartWissenWallbox & Ladeinfrastruktur
06 · Ladeinfrastruktur

Die Brandursache liegt nicht immer im Akku — sie liegt oft in der Hausinstallation.

Eine 11-kW-Wallbox ist bereits ein erheblicher Dauerverbraucher. Mehrere Ladepunkte in Mehrfamilien­häusern, Tiefgaragen, Gewerbeobjekten oder Hotels können bestehende Anlagen überfordern, wenn keine fachgerechte Planung, Last­berechnung, Schutz­konzeption und Prüfung erfolgt. Genau dort entstehen Brand­ursachen, die fälschlich dem Fahrzeug zugeordnet werden.

Lesezeit: ca. 9 Min.Zielgruppe: Versicherer · Hausverwaltungen · Elektriker · Anwälte

Was eine Wallbox technisch wirklich ist

Eine Wallbox ist nicht „eine bessere Steckdose". Sie ist eine elektrische Anlagen­erweiterung mit Dauerlast­charakter. Eine 11-kW-Anlage zieht über Stunden hinweg etwa 16 A pro Phase, eine 22-kW-Anlage 32 A pro Phase. Klemmstellen, Leitungs­querschnitte, Schutz­organe, Unter­verteilung und Hausanschluss müssen für diese Dauerlast geeignet sein — und das ist im Bestand häufig nicht der Fall.

Typische technische Schwachstellen

Brand während des Ladens — der Fehlschluss

Lade­vorgang ≠ Lade­strom­quelle = Brandursache

Ein Brand während des Ladens bedeutet nicht automatisch, dass der Akku die Brand­ursache war. Es kann ebenso eine thermisch überlastete Klemmstelle, eine ungeeignete Stecker­verbindung, ein fehlerhaft installierter Zähler­schrank oder eine Bestands­anlage gewesen sein, die der zusätzlichen Dauerlast nicht gewachsen war. Diese Trennung muss vor jeder Regress­entscheidung sauber geklärt werden.

Mehrfamilienhaus, Tiefgarage, Gewerbe — und die Frage „passt das überhaupt?"

Die Elektromobilität verlagert hohe elektrische Leistungen in Räume, die ursprünglich nicht dafür ausgelegt waren. Bei mehreren Lade­punkten muss die Bestandsanlage vollständig neu bewertet werden:

Hausanschluss

Anschluss­leistung, Querschnitte der Hauptleitung, thermische Reserven, Selektivität gegenüber Hausanschluss­sicherung.

Zähler & Verteilung

Sammel­schienen, Anschluss­klemmen, Reservefelder, Selektivität, Über­spannungs­schutz, thermische Beanspruchung.

Schutzkonzept

RCD-Auswahl (Typ A EV oder B), DC-Fehlerstrom­erkennung, Über­spannungs­schutz Typ 1 / 2, Erdung, Potential­ausgleich.

Lastmanagement

Statisch oder dynamisch, OCPP-Backend, Priorisierung, Spitzenlast­begrenzung, § 14a EnWG-Steuerbarkeit.

§ 14a EnWG & steuerbare Verbrauchs­einrichtungen

Private Lade­einrichtungen mit mehr als 4,2 kW sind als steuerbare Verbrauchs­einrichtungen einzubinden. Die Bundes­netzagentur hat Festlegungen zur netz­dienlichen Steuerung getroffen. Das ist eine netz­seitige Regulierung — sie ersetzt aber keine anlagen­bezogene technische Prüfung innerhalb des Gebäudes. Die häufige Verwechslung „§ 14a ist erfüllt, also ist die Anlage in Ordnung" trägt nicht.

Type-2-Stecker und Fahrzeug-Inlet

Verschmelzungen am Type-2-Stecker und am Fahrzeug-Inlet sind ein wieder­kehrendes Schadenbild. Die Ursache liegt häufig nicht im Fahrzeug, sondern an Kontakt­widerständen, mechanisch verschlissenen Kontakten, Verriegelungs­problemen oder Korrosion durch Witterungs­einfluss. Forensisch zu unterscheiden sind:

DC-Schnellladung — eigene Risikoklasse

HPC-Säulen mit 150–400 kW arbeiten bei sehr hohen Strömen und Spannungen direkt auf den DC-Bus des Fahrzeugs. Spannungs­spitzen, fehlerhafte PLC-Kommunikation, falsche Lade­strategien können sich auf Akku­alterung, Fahrzeug-DTCs und in Einzelfällen auf Brandereignisse auswirken. Bei Schadenfällen an HPC-Säulen sind Lade­logs der Säule und des Fahrzeugs gemeinsam auszuwerten.

Der Brand an der Wallbox ist häufig kein Fahrzeug­schaden — sondern ein Schaden der elektrischen Anlage des Gebäudes. Mit allen versicherungs- und regress­rechtlichen Konsequenzen.

Wallbox- oder Ladeinfrastruktur-Schaden? Vor der Reparatur dokumentieren.

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